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Am Mittelmeer – Schwung holen

An der Costa del Sol rund um die Touristenhochburg Denia ist es jeden Winter schön bunt. Statt der Urlaubsbusse tummeln sich dort die bunt lackierten LKWs, Serviceautos und Teambusse der professionellen Radsportteams. Mitten zwischen dem ganzen Gewusel findet sich eine noch buntere Schar an Radsportlern. Mit ihren alten Verträgen und Trikots mischen sich manche Profis auf brandneuen Rädern unter ihre neuen Teamkollegen. Die Straßensaison und damit auch die Verträge der Radprofis laufen von Kalenderjahr zu Kalenderjahr. Aber nach den letzten Rennen im Oktober und einer wohlverdienten Pause ist es im Radsport Ehrensache, dass die Teams ihre Abgänge bereits für die neuen Arbeitgeber freistellen. Spätestens beim Grundlagentraining im Dezember gilt es nämlich die Basis fürs nächste Jahr zu legen.

Zur Saison 2023 stieg Tudor zum UCI Pro Team auf und seither verbringen Arthur Kluckers und Luc Wirtgen ihren Dezember und Januar größtenteils am Mittelmeer. Letzterer erzählt: „Ich freue mich immer sehr, bereits im November bei einem ersten Treffen in der Schweiz die Kollegen wiederzusehen und mein neues Material zu erhalten. Nach einer ersten Woche Pause im Herbst kribbelt es bei mir nämlich schon wieder. Radprofi ist man nur, wenn man leidenschaftlich gerne Rad fährt.“ Dort wurde mit den sportlichen Leitern auch bereits grob die Saison geplant und mit den Neuen gab es zwei Tage Teambuilding. Luc und Arthur fuhren 2024 etliche Rennen zusammen, freuen sich zwischendurch Luxemburgisch zu reden, aber am Mittelmeer teilten sie kein Zimmer. Tudor Pro Cycling packt seine Fahrer passend nach ihrem Schlafzeiten und Vorlieben wie offenes Fenster oder Klimaanlage zusammen. Nach diesen ersten Lehrgängen ist das Team dann in alle Winde zerstreut und Luc trainiert zuhause oft mit Bob Jungels oder Mats Wenzel aus dem Nachbardorf.

Für seine 13. Profisaison wechselte Bob Jungels zu seinem fünften Profiteam Ineos Grenadiers. Bereits im Oktober organisierten diese ein erstes Kennenlernen am Teamsitz in Manchester. Im Dezember stand ein klassisches Trainingslager in Spanien an und im Januar ging es für den Etappensieger der Tour de France 2022 bereits ins Höhentrainingslager. Der Sieger von Liège-Bastogne-Liège 2018 würde gerne noch einmal an seine Stärke insbesondere bei den Klassikern anknüpfen. Diese visiert neben seiner wichtigen Arbeit fürs Team und als Anfahrer von Mats Pedersen auch Alex Kirsch an. Der 32-Jährige fährt bereits seine siebte Saison für Lidl-Trek. Ganz klassisch seien sie Mitte Dezember und Mitte Januar in den Vorbereitungslehrgängen an der Costa del Sol gewesen. Er erklärt: „Daran hat sich in den Jahren nicht so viel geändert. Im Dezember sind es viele Stunden Ausdauer, im Januar wird es dann schon intensiver. Aber in der Trainingswissenschaft und in der Ernährung hat sich in den letzten zwei, drei Jahren doch viel entwickelt. So wird mit den Spezialisten in letzter Zeit individueller gearbeitet. Für das Zusammengehörigkeitsgefühl im Team, das neue Material, Leistungstests, Sponsoring- und Medienarbeit ist deshalb der Dezember besonders wichtig.“

Dann teilen sich bei Lidl-Trek die jungen Profis zehn Tage lang ein Zimmer mit erfahrenen Fahrern wie Alex Kirsch. Schauen sich ab, wie diese mit dem Druck, Stress und der Regeneration umgehen und haben Zeit für Fragen. Im Januar ist dann bereits eine Mannschaft in Australischen unterwegs, andere fahren in erste Höhentrainingslager und Alex Kirsch testete neben dem Lehrgang auch noch drei Tage mit einigen anderen Klassikerfahrern in Belgien. Dort spielte Team Support Manager Glen Lewen eine wichtige Rolle: „Wir kennen uns von klein auf, es war prima dort zusammen mit ihm zu arbeiten und er hatte ein paar tolle Ideen mit dem Material. Das richtige Material auszuwählen ist bei den Klassikern im Frühjahr sicher wichtiger und komplizierter als bei anderen Rennen.“ Nach einem ersten Rennblock ging es für seinen Teil des Teams im Februar/ März dann noch einmal zum Feinschliff nach Mallorca.

Anfang Februar fuhr Mats Wenzel ein solches Vorbereitungsrennen auf Mallorca und der Neoprofi erzählt: „Als Profi gibt es jetzt keine einfachen Rennen mehr. Sogar auf einem Punkt1-Rennen wie auf Mallorca fährt ein Marc Hirschi (U23-Weltmeister 2018 und TdL-Sieger von 2023) mit und es geht gleich zur Sache.“ Nach ihren großen Lehrgängen holen sich die Teams bei diesen Rennen in Frankreichs Süden und Spaniens Osten den Rennrhythmus. Besonders gut kommt traditionell Kevin Geniets aus den Startlöchern. Der Landesmeister feierte dieses Jahr ausnahmsweise seinen 28. Geburtstag zuhause. Die Jahre zuvor war er am 9. Januar eigentlich immer mit seinem Team Groupama-FDJ im gleichen Hotel neben dem Peñón de Ifach in Calpe. Nun ging es aber bereits am 10. Januar zum Teide auf die Kanaren und Kevin Geniets erklärte dem Tageblatt: „Ich will in diesem Jahr am Anfang der Saison wieder ganz vorne mitfahren. Deswegen fahre ich auch noch mal ins Höhentrainingslager, um mich auf diese Rennen optimal vorbereiten zu können. Ich möchte wieder ein Rennen (wie den GP de Marseille 2024) gewinnen, dafür muss aber alles perfekt laufen.“

Mats Wenzel ist zwar erst diese Saison in die zweite Liga aufgestiegen, aber er findet: „Auch wenn das Training jedes Jahr etwas intensiver wird, so war der Sprung zu einem ProTeam nicht so groß. Wir wurden bereits letztes Jahr im Farmteam von Lidl Trek sehr professionell betreut.“ Die größere Umstellung sei die Sprache gewesen. Er ist der einzige Ausländer bei seinem neuen Team Kern Pharma. Beim ersten Kennenlernen mit dem ganzen Team nahe Pamplona im November verstand er wenig, aber das war beim gemeinsamen Radfahren, Paintball spielen und gut essen auch nicht so wichtig. Die Teambesprechungen vor den ersten Rennen waren hingegen schwieriger, aber alle seien mit englischen Erklärungen sehr hilfsbereit. Beim letzten Lehrgang in Malaga ganz im Süden Spaniens verstand er dann schon deutlich mehr.

Die Saisonvorbereitung des aktuell erfolgreichsten luxemburgischen Radsportlers erinnert hingegen an alte Zeiten: Zwar war auch Marie Schreiber Mitte Januar bei ihrem Team SD Worx-Protime an der Costa del Sol. Dort hatte sie jedoch vor allem das Weltcuprennen in Benidorm am 19. Januar im Visier. Wo ihre Teamkolleginnen sie aufs Podium brüllten. Nach einer kompletten Cyclocrosssaison gewann sie am 5. Februar schließlich das C2-Rennen in Maldegem. Drei Tage vorher hatte die Geländespezialistin mit dem Vizeweltmeistertitel der U23 endlich ihre erste WM-Medaille und sie twitterte: „Das war das letzte Rennen meiner Saison. Ich plante mich komplett leer zu fahren und das bis zum Schluss durchzustehen. Danach ist Off-Saison und ich kann so müde sein wie ich will. Ich wollte mit einem Sieg aufhören und jetzt liegt der Riemen eine Zeit lang runter. Meine Straßensaison fängt erst Anfang April an.“ Dabei macht die Cross-Spezialistin auch auf der Straße große Fortschritte, seit sie vor zwei Jahren bei SD Worx-Protime unterschrieben hat. Gerade bei den Klassikern soll sie sich vermehrt zeigen. Nicht nur ihre Vorgängerin bei SD Worx Christine Majerus, sondern auch Wout van Aert und Mathieu van der Poel zeigen dabei, dass auch heute noch intelligent geplante Cyclocrossrennen und -trainings gut auf eine Straßensaison vorbereiten.