Schnell, gut, ruhigund umweltfreundlich
LVI heißt jetzt ProVelo, aber sonst ändert sich nix. Oder wenig. Seit langen Jahren kämpft deren Präsidentin Monique Goldschmit um den Stellenwert des Fahrrads in unserer Gesellschaft.

cyclist: Wie steht es eigentlich um das Fahrrad als Fortbewegungsmittel in Luxemburg?
Monique Goldschmit: Mein persönliches Gefühl ist, dass es viel mehr Radfahrer gibt. Vor allem bei gutem Wetter, aber man sieht auch viele Radfahrer, die selbst im Winter fahren. Viele Menschen wollen Radfahren. Auch zur Arbeit oder zum Einkaufen. Aber nicht jeder fühlt sich sicher. Das sieht man daran, wie viele bei gutem Wetter auf dem Kirchberg unterwegs sind. Aber wenn man ein wenig weiter rausfährt oder im ländlichen Raum, dann sind es viel weniger. Wie viele Menschen fahren gerne Rad und wie viele würden gerne fahren… wenn die Bedingungen besser wären?
cyclist: Laut Ihren Zahlen vom letzten Jahr sind nur 630 der vorgesehenen 1.100 Kilometer Radwege bereit. Wie sieht es da aus?
Monique Goldschmit: Noch heute morgen (Anfang März, Anm. d. Red.) haben wir im Büro die Liste für die Ponts&Chaussées aktualisiert. Seit 4, 5 Jahren hat sich da kaum was geändert. Frau Ministerin Backes hat zwar Anfang des Jahres einige Abschnitte zur Priorität erklärt, aber die waren das bereits unter Herrn Minister Bausch. Seit Jahren reden wir vom PC27, der Lücke in Martelingen wo die Radfahrer auf die Hauptstraße müssen. Es gibt viele Beispiele, aber wenigstens gibt es endlich die Verlängerung am Irrgärtchen. Doch auch das war eine Geschichte von 10 Jahren.
cyclist: Regelmäßig regen sich Autofahrer auf, dass Radsportler im Training neben einem Radweg auf der Straße fahren. Wie sehen Sie das?
Monique Goldschmit: Für mich gehören Radsportler im Training auf die Straße. Allerdings sagt der Code de la Route, dass die Radfahrer auf Radwegen fahren müssen, die mit dem runden, blauen Schild gekennzeichnet sind. Radwege sind aber für Geschwindigkeiten bis 25 Stundenkilometer ausgelegt. Da sind auch viele Kinder, Spaziergänger oder langsame Radfahrer unterwegs. Bereits mit den ebikes wird die Geschwindigkeit höher und es kommt zu Konflikten. Die Radwege sind nicht breit genug für so viele Radfahrer mit so unterschiedlichen Geschwindigkeiten.
cyclist: Wo sehen Sie noch Gefahren?
Monique Goldschmit: Die 1,50 Meter Abstand beim Überholen! Seit 2018 steht es im Code de la Route. Gemeinsam mit dem Radsportverband wurden wir 2024 bei der Polizeidirektion vorstellig, dass die das endlich kontrollieren sollen. Aber die meinen, sie könnten das nicht kontrollieren. Durch die Aufklärungskampagnen wurde die Gefahr vielen Autofahrern bewusst und es halten sich viele daran. Aber wer es nicht tut, wird dafür nicht bestraft.
cyclist: Kommen wir zum nächsten Streitpunkt: Mit den anderthalb Metern muss man auf einer normalen Landstraße einen Radfahrer eh “richtig” überholen. Das heißt auf die Gegenspur. Wie sehen Sie es dann, wenn z.B. eine Gruppe von sechs Radfahrern teilweise nebeneinander fährt?
Monique Goldschmit: Auch mit dem Thema waren wir letztens im Mobilitätsministère. Der Code de la Route lässt sich weit auslegen: Außerhalb der Ortschaften darf man nebeneinander fahren, wenn es gut sichtbar ist. Aber in unübersichtlichen Kurven kann ich eh nicht überholen. Sie haben Recht, dass man mit 1,5 Metern auf die Gegenspur muss. Wenn also sechs Radfahrer hintereinander statt 2 und 2 fahren, sind sie doppelt so lang. Von der Länge her muss ich einen Bus statt einen Lieferwagen überholen. Aber das ist ein schwieriges Thema.
cyclist: Ein schwieriges Thema ist auch der Klimawandel. Wie sehen Sie da die Rolle vom Rad?
Monique Goldschmit: Die staatlichen Subsiden fürs Rad kamen nur, weil wir intervenierten. Die Logik ist klar: Wenn eAuto für den Klimaschutz gefördert wird, dann auch ebike. Und wenn ebike, dann auch bike. Das Rad ist ein Teil der Lösung. Einmal gebaut, braucht ein Rad keine Energie außer Muskelkraft. Das ebike wenig, das eAuto schon deutlich mehr. Und zusätzlich kommst du frisch an, hast nach dem Radfahren den Kopf frei. Die besten Ideen kommen mir beim Radfahren. Natürlich muss man im Verkehr präsent und aufmerksam sein. Aber du steckst in deiner Umwelt, fühlst, riechst und hörst sie, statt in einer Blechdose zu stecken. Das Rad ist ein Mittel, sich schnell, gut, ruhig und umweltfreundlich zu bewegen. Es ist leise. Durch den motorisierten Verkehr wird eine Stadt laut. Ohne diesen Verkehr und Lärm fühlen wir uns wohl. Dieses persönliche Wohlfühlen wird wichtiger und ist auch greifbarer als der Klimawandel.
cyclist: Kennen Sie eigentlich den aus Spanien stammenden „bicibus“ (s. Tipps & Trends) und was halten Sie davon?
Monique Goldschmit: Ja, natürlich und auch hier in Luxemburg gibt es einige ähnliche Initiativen. Die gehen oft von Elternvereinigungen aus und sind zeitlich beschränkt, etwa während einer Mobilitätswoche oder am Ende des Schuljahres. In Mamer, Larochette, auch in Roeser haben wir tolle Initiativen gesehen. In Strassen hat die Gemeinde sogar zwei Stellen geschaffen, die mit den Kindern zur Schule radeln. In der Hauptstadt gibt es dann den Pedibus zu Fuß. Es ist gut, dass die Kinder sich so sicher zur Schule bewegen können. Aber eigentlich muss der Schulweg so sein, dass Kinder das nach ein paar Mal unter Aufsicht auch alleine schaffen. Oft sind aber gerade Elterntaxis die Gefahr. Da finde ich es gut, wenn die direkte Umgebung der Schule um die Zeit für Autoverkehr gesperrt wird.


