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Ein kleines, feines Team

In der Jugend war er selbst Radrennen gefahren, hat später auch Duathlon und Triathlon ausprobiert. Aber dann kam die Arbeit, der Hausbau, die Familie. Auch wenn die Zeit für eigene Wettbewerbe fehlte, so blieb Jean-Claude Anen doch immer seinem Radsport treu, ist er ein emsiger Sammler von Memorabilien und verfolgte die Wettbewerbe genau. “Christian Helmig war mir 2009 erstmals bei den Landesmeisterschaften aufgefallen. Da schlug er Ralph Diseviscourt im Sprint um den Titel der Elite ohne Vertrag. Auf dem Podium konnte er nur einige Brocken Luxemburgisch mit amerikanischem Akzent. Beim Cross in Zessingen sah ich ihn wieder. Er fuhr ein altes Rad von Cannondale, sein einziges. Aber er war vorne dabei, das war enorm”, erinnert er sich lachend.

Da seine Pensionierung vor der Tür stand, nahm sich der gelernte Automechaniker die Zeit, den heutigen technischen Direktor der FSCL unter seine Fittiche und organisierte bei Larry von Trisport sogar sogleich ordentliches Material. Von 2014 bis 2016 waren die beiden viel zusammen unterwegs, denn schließlich stand Christian Helmig sehr knapp vor einer Qualifikation für die Spiele in Rio im olympischen Cross Country. “Im Winter 2016/17 wurde es dann manchmal ein wenig hektisch, da die Frauen kurz vor den Männern fuhren, aber eigentlich lief auch das sehr gut”, erinnert sich der ehrenamtliche Helfer. Längst hatte er sich mit seiner gründlichen Arbeit und zurückhaltenden Art auch beim Verband unverzichtbar gemacht. Dort hatte Christine Majerus ihn schätzen gelernt und ihn zu einem Puzzlestück in ihrer wichtigen Wintersaison 2016/17 auserkoren. Für Christian waren die Cyclocrossweltmeisterschaften in Bieles der große Karriereabschluss. Und für Christine ein großer Höhepunkt ihrer am Ende 16-jährigen Profikarriere mit der Bürde der gesammelten heimischen Hoffnungen und Erwartungen. So dass er eine Wintersaison lang beide gleichzeitig betreute.

“Wir haben gut zusammengepasst. Jeder machte gewissenhaft seine Arbeit und keiner mischte sich in die Angelegenheiten des Anderen. Ich bin schließlich kein Trainer oder Manager und Christine weiß genau, was sie tut. Meine Arbeit hat sie genauso respektiert, mir komplett vertraut und ich hatte ihr ganzes Material auch immer bei mir zuhause. Habe mich gekümmert, dass immer alles passte”, erzählt er von den gemeinsamen acht Jahren. “In so einer langen Zeit lernt man sich gut kennen. Ich war oft bei ihr zuhause oder sie bei mir. Wir waren eigentlich eine Familie. Auch wenn sie im Sommer mit ihrem Team unterwegs war, blieben wir immer im Kontakt. Immer mal wieder erhielt ich von irgendwo eine sebst gemalte Karte. Die war auch mal vom ganzen Team unterschrieben und Christine immer für eine liebe Überraschung gut.”

Christine Majerus hat die Entwicklung des Frauenradsports von teils belächelten Randfiguren bis zur heutigen Anerkennung in erster Reihe erlebt. Genauso durchlebte sie die Weiterentwicklung “ihres” Frauenteams SD Works fast von den Anfängen als Profiteam Boels Dolmans bis zur heutigen Benchmark im Frauenradsport. Da sie sich dort wohl fühlte, kam ein Wechsel nie in Frage. So wie sie ihrem persönlichen Trainer Michel Zangerlé seit den Anfangstagen beim SaF Zéisseng treu blieb. Auch an ihrem Mécano wusste sie, was sie hatte. Wie sie regelmäßig vor der Presse betonte. Mit Christine Majerus, Christian Helmig und auch Søren Nissen hat dieser die luxemburgische Elite im letzten Jahrzehnt bei der Fahrt durchs Gelände selbstlos unterstützt und urteilt über seine Fahrer: „Ich hätte nie die Leistung von einem von ihnen kritisiert, habe nie etwas dazu gesagt. Alle meine Athleten haben immer ihr Bestes gegeben!“

An den heimischen Höhepunkt der Weltmeisterschaft in Bieles erinnert er sich gerne zurück: „Dieser Cross zuhause war schon toll. Genial da dabei zu sein. Mit diesen Menschenmassen und dann diese tolle Atmosphäre.“ Obwohl Christine Majerus als leidenschaftliche Leistungssportlerin auch eine „sehr emotionale, explosive Seite“ habe, so hatten die beiden in all den Jahren nie eine Diskussion miteinander. Aber bei den Weltmeisterschaften ein Jahr später in Valkensburg als einem weiteren Höhepunkt sehr unterschiedliche Meinungen, wie er berichtet: „Das war auf jeden Fall ein High-light, aber auch eine Enttäuschung. Für mich war ihr vierter Platz super. Am Materialposten eine halbe Runde vor Schluss kam sie aber noch vor Lucinda Brand als Dritte vorbei. Mit ihren beiden Reserverädern und dem Werkzeug ging ich dann zurück zum Camper. Für Christine war das Resultat hingegen eine Riesenenttäuschung. Sie hatte alles gegeben und als sie zum Camper zurück kam, pfefferte sie ihr Rad in eine Hecke. Fiel mir heulend in die Arme. Ich war froh, dass bald Fabienne hinzukam, denn ich bin nicht so der Seelentröster.“

Obwohl er mit dieser -nachvollziehbaren- Reaktion überhaupt kein Problem hatte, trat Christine Majerus später noch einmal an ihn heran und entschuldigte sich für ihr Verhalten. Bewundernd zählt Jean-Claude Anen jedoch lieber auf, was sie alles leistete. Während er „nur“ dafür sorgte, dass das Material immer in vorbildlichem Zustand bereitstand und den Camper quer durch Europa fuhr, habe sie sich neben ihrer sportlichen Leistung um alles Organisatorische gekümmert, um Einschreibungen und Akkreditierungen. Daneben immer mal wieder bequemere AirBnBs und Hotels gebucht. Ihre Freundin Fabienne kümmerte sich hingegen um die Wäsche, den mentalen Bereich und auch die Pressearbeit. „Es hat viel Spass gemacht und ich habe viel erlebt. Wir waren ein kleines, feines Team“, urteilt er rückblickend und betont ausdrücklich: „Christine lebte wirklich für ihren Sport!“