{"id":248,"date":"2026-06-03T15:21:12","date_gmt":"2026-06-03T14:21:12","guid":{"rendered":"https:\/\/cyclist.lu\/?p=248"},"modified":"2026-06-03T15:21:12","modified_gmt":"2026-06-03T14:21:12","slug":"eine-grosse-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/cyclist.lu\/index.php\/2026\/06\/03\/eine-grosse-geschichte\/","title":{"rendered":"\u201eEine gro\u00dfe Geschichte\u00a0\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201eEine gro\u00dfe Geschichte\u00a0\u00bb<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der ehemalige Au\u00dfenminister Jean Asselborn wurde durch seine ebenso bodenst\u00e4ndige wie leidenschaftliche Art auch international bekannt. Weil er seine Kilometer mit dem E-Bike nicht z\u00e4hlt, fehlen dem 76-J\u00e4hrigen weiterhin 300 Kilometer zu runden 300.000.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Cyclist: Wie geht es Ihnen mittlerweile nach Ihrer Verletzung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Letzten September hatte ich mir am Mont Ventoux ja die Achillessehne gerissen und musste operiert werden, bin f\u00fcnf Monate kein Rad mehr gefahren. Ein Hometrainer auf dem Speicher oder im Keller ist nichts f\u00fcr mich, ich brauche den Sauerstoff und habe meine L\u00f6sung mit einem 12 Kilo leichten Trek+ E-Bike gefunden. Von Steinfort nach Mersch fahre ich bereits wieder ohne den Motor einzuschalten. Es ist das Allerbeste, sich drauf zu setzen, alles tut zwar weh, aber es geht wieder. Mein Ziel ist es, im April wieder mit meinem normalen Rad zu fahren. Aber ich bin grad viel unterwegs, werde im M\u00e4rz und April in 16 verschiedenen St\u00e4dten sein. Und ich habe etwas Angst, mich noch mal zu verletzen. Besonders wenn ich Treppen runter gehe, habe ich die Verletzung noch im Hinterkopf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Weiterhin sind Sie stark zur Politik gefragt. Was ist da das Fahrrad f\u00fcr Sie? Eher abschalten oder nachdenken?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nachdenken. Ich wei\u00df nicht, ob ich die 20 Jahre als Au\u00dfenminister ohne Fahrrad geschafft h\u00e4tte. Ich kann ohne aktive Politik leben, aber nicht ohne Fahrrad. Auf dem Rad kann ich vieles verarbeiten. Bekomme reichlich Sauerstoff, kann mich etwas qu\u00e4len. Ich habe ganze Interviews auf Radtouren gef\u00fchrt. Mit dem vielen Herumfliegen zwischen den Kontinenten war ich manchmal physisch am Limit. Sobald ich es aus dem Flieger schaffte, fuhr ich zwei Stunden Rad, tankte neue Energie und entkam so dem Jetlag.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie hat diese lange Leidenschaft f\u00fcr das Fahrradfahren eigentlich angefangen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit Jacques Santer als Premierminister steckten wir 1994 mitten in den Koalitionsverhandlungen. Aber Helmut Kohl wollte ihn auch unbedingt als Kommissionspr\u00e4sident, so dass wir in den damaligen Koalitionsverhandlungen zwischen CSV und LSAP st\u00e4ndig unterbrochen wurden. Tagelang waren wir von neun bis neun im \u201eVersoffene Rousekranz\u00a0\u00bb im Roseng\u00e4rtchen, es ging nicht voran und ich dachte, ich werde hier verr\u00fcckt. F\u00fcr meine Tochter ging ich zwischendurch ein Rad kaufen und holte mir spontan auch eins. Ich wollte dann gleich was Gr\u00f6\u00dferes machen und bin im Sommer 95 in sieben Tagen nach Fr\u00e9jus an die C\u00f4te d&rsquo;Azur. Meine Frau kam im Auto mit den Kindern hinterher. Als ich das meinem Bekannten Nico Olinger (Receveur in Schuttrange) erz\u00e4hlte, meinte der, da mache ich n\u00e4chstes Jahr mit. Wir haben uns dann gut vorbereitet und sind zw\u00f6lf Jahre lang zusammen runtergefahren, alleine, nur mit einer Tasche am Lenker und einem Rucksack mit dem Allern\u00f6tigsten. Mussten jeden Tag waschen. Wir fuhren auch in die Heimat von Pantani, nach Cesenatico, bis an die spanische Grenze, in die Toskana, \u00fcber den gro\u00dfen St. Bernard. Schlimm war es eigentlich nur w\u00e4hrend den gro\u00dfen \u00dcberschwemmungen, als Schr\u00f6der mit Gummistiefeln im Wahlkampf war (2002, Anm. d. Red.). Rund um Basel hatte es drei Tage nur geregnet, wir hatten kein trockenes St\u00fcck Stoff mehr. Am schlimmsten ist es, wenn man morgens in noch nasse Sachen steigen muss. Ich hatte mich schon ziemlich verbissen. So fuhr ich auch eine Randonn\u00e9e von Paris nach Longwy. In der Gruppe fuhren wir zwar nur einen Schnitt von 25 Stundenkilometer, aber 350 Kilometer an einem Tag waren schon eine Herausforderung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was fasziniert Sie so am Mont Ventoux, es gibt ja auch noch andere ber\u00fchmte Berge?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat\u00fcrlich bin ich die Alpe d&rsquo;Huez und wegen Stelmes auch den Tourmalet von beiden Seiten gefahren. Aber ich schaffte eigentlich nur einen Berg am Tag, nicht zwei oder mehr. Der Mont Ventoux ist da schon ziemlich einmalig, gef\u00e4llt mir gut. Im Sommer hatte ich immer ein Ziel, das Mittelmeer und den Mont Ventoux. Ich bin ihn zwanzig Mal gefahren und er wurde zwar jedes Jahr schwerer, aber war bis 70 Jahre kein Problem. Letztes Jahr habe ich dann Lehrgeld bezahlt. Ich will im Sommer aber weiter ans Mittelmeer fahren, falls es mir m\u00f6glich ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie viele und welche R\u00e4der besitzen Sie?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon fr\u00fcher hatte ich das beste Rad, Autos sagten mir dagegen nie viel. Nach meiner Knie-OP leistete ich mir ein Trek+, das ich auch jetzt wieder rausgeholt habe. Und eigentlich fahre ich ein Trek Domane mit SRAM, das funktioniert wunderbar. Es ist relativ bequem. Sie hatten es damals f\u00fcr Fabian Cancellara und seinen Sieg in Roubaix konstruiert. Ich habe auch noch ein besonderes Specialized McLaren Venge, das es glaube ich nur Hundert Mal gibt. Aber das wurde f\u00fcr Mark Cavendish gebaut und ist bretthart, nichts f\u00fcr mich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Und wieso Radfahren und nicht vielleicht Golf oder Tennis?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Golf habe ich noch nie gespielt, das gab es in Steinfort auch nicht. Wir hatten zwar einen der ersten Tennispl\u00e4tze, aber in 40 Jahren Politik hatte ich nur Zeit f\u00fcr eine Leidenschaft. Als Kind spielte ich Fu\u00dfball, aber war nicht gut. Der Schwiegersohn von Nic Frantz, L\u00e9on Letsch, war unser Trainer. Damals verfolgte ich auf der Langwelle auch, was Charly Gaul fertigbrachte. Das war au\u00dfergew\u00f6hnlich. Als Deutschland 1954 Weltmeister wurde, war der Krieg f\u00fcr sie vorbei. F\u00fcr Luxemburg hat 1958 sehr viel bedeutet. Mein Vater arbeitete an den Hoch\u00f6fen auf dem Kran. Die Schmelz hat auf den wichtigen Etappen praktisch nicht mehr funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Welcher der f\u00fcnf luxemburgischen Toursiege beeindruckt Sie da am meisten?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das kann man nicht vergleichen. Bei Frantz muss das damals f\u00fcrchterlich gewesen sein, das Hinterrad f\u00fcr eine andere \u00dcbersetzung umzudrehen und auch die damaligen Stra\u00dfen. Unvorstellbar. Bei Faber kommt dann noch sein Einsatz im Krieg hinzu. Charly Gaul verfolgte ich bereits selber, habe ihn, seine Frau und Tochter sp\u00e4ter auch kennengelernt. Als ich die Randonn\u00e9e Charly Gaul mitfuhr, stand er zwischen den \u201eBricher L\u00e4cher\u00a0\u00bb und feuerte uns an. Seine Leistungen sind unvorstellbar. Wie er vorne 42 und hinten maximal 23 oder 24 in den P\u00e4ssen noch \u201ebitzen\u00a0\u00bb konnte. Dann nat\u00fcrlich Andy Schleck. Und Fr\u00e4nk und Kim. Bei der Tour hatten wir zwischendurch die drei Maillots. Es tut mir noch heute leid, dass ich mich erst freimachen konnte, nachdem er die Alpe d&rsquo;Huez gewonnen hatte. Die Etappe nicht sah. Auch die Generation davor mit John Schleck, Edy Sch\u00fctz oder Lucien Didier darf man nicht vergessen. Mit Jempy Schmitz bin ich dann selber viel Rad gefahren, auch Aldo Bolzan oft begegnet oder lernte Marcel Ernzer kennen. Der Radsport in Luxemburg ist eine gro\u00dfe Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"background:#dceef7;border-radius:14px;padding:24px;margin:34px 0;display:flex;gap:22px;flex-wrap:wrap;align-items:center;\">\n<img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cyclist.lu\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/asselborn-livre-853x1024.png\" alt=\"Buchcover: Jean Asselborn \u2013 Die Tour seines Lebens\" style=\"width:150px;height:auto;border-radius:6px;flex:0 0 auto;box-shadow:0 4px 14px rgba(0,0,0,.18);\">\n<div style=\"flex:1;min-width:230px;\">\n<h3 style=\"margin:0 0 10px;font-size:21px;color:#15384a;\">Jean Asselborn \u2013 Die Tour seines Lebens<\/h3>\n<p style=\"margin:0;font-size:15px;line-height:1.55;color:#243b46;\">Der Trierer Politikjournalist Michael Merten begleitete Jean Asselborn auf seinen 1.000 Kilometern quer durch Frankreich und zeichnet auf 320 Seiten eine interessante Reisereportage wie auch ein einf\u00fchlsames Portr\u00e4t. F\u00fcr 24,99 Euro im Fachhandel erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEine gro\u00dfe Geschichte\u00a0\u00bb Der ehemalige Au\u00dfenminister Jean Asselborn wurde durch seine ebenso bodenst\u00e4ndige wie leidenschaftliche Art auch international bekannt. Weil er seine Kilometer mit dem E-Bike nicht z\u00e4hlt, fehlen dem 76-J\u00e4hrigen weiterhin 300 Kilometer zu runden 300.000. Cyclist: Wie geht es Ihnen mittlerweile nach Ihrer Verletzung? 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