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„Eine große Geschichte“

Der ehemalige Außenminister Jean Asselborn wurde durch seine ebenso bodenständige wie leidenschaftliche Art auch international bekannt. Weil er seine Kilometer mit dem E-Bike nicht zählt, fehlen dem 76-Jährigen weiterhin 300 Kilometer zu runden 300.000.

Cyclist: Wie geht es Ihnen mittlerweile nach Ihrer Verletzung?

Letzten September hatte ich mir am Mont Ventoux ja die Achillessehne gerissen und musste operiert werden, bin fünf Monate kein Rad mehr gefahren. Ein Hometrainer auf dem Speicher oder im Keller ist nichts für mich, ich brauche den Sauerstoff und habe meine Lösung mit einem 12 Kilo leichten Trek+ E-Bike gefunden. Von Steinfort nach Mersch fahre ich bereits wieder ohne den Motor einzuschalten. Es ist das Allerbeste, sich drauf zu setzen, alles tut zwar weh, aber es geht wieder. Mein Ziel ist es, im April wieder mit meinem normalen Rad zu fahren. Aber ich bin grad viel unterwegs, werde im März und April in 16 verschiedenen Städten sein. Und ich habe etwas Angst, mich noch mal zu verletzen. Besonders wenn ich Treppen runter gehe, habe ich die Verletzung noch im Hinterkopf.

Weiterhin sind Sie stark zur Politik gefragt. Was ist da das Fahrrad für Sie? Eher abschalten oder nachdenken?

Nachdenken. Ich weiß nicht, ob ich die 20 Jahre als Außenminister ohne Fahrrad geschafft hätte. Ich kann ohne aktive Politik leben, aber nicht ohne Fahrrad. Auf dem Rad kann ich vieles verarbeiten. Bekomme reichlich Sauerstoff, kann mich etwas quälen. Ich habe ganze Interviews auf Radtouren geführt. Mit dem vielen Herumfliegen zwischen den Kontinenten war ich manchmal physisch am Limit. Sobald ich es aus dem Flieger schaffte, fuhr ich zwei Stunden Rad, tankte neue Energie und entkam so dem Jetlag.

Wie hat diese lange Leidenschaft für das Fahrradfahren eigentlich angefangen?

Mit Jacques Santer als Premierminister steckten wir 1994 mitten in den Koalitionsverhandlungen. Aber Helmut Kohl wollte ihn auch unbedingt als Kommissionspräsident, so dass wir in den damaligen Koalitionsverhandlungen zwischen CSV und LSAP ständig unterbrochen wurden. Tagelang waren wir von neun bis neun im „Versoffene Rousekranz“ im Rosengärtchen, es ging nicht voran und ich dachte, ich werde hier verrückt. Für meine Tochter ging ich zwischendurch ein Rad kaufen und holte mir spontan auch eins. Ich wollte dann gleich was Größeres machen und bin im Sommer 95 in sieben Tagen nach Fréjus an die Côte d’Azur. Meine Frau kam im Auto mit den Kindern hinterher. Als ich das meinem Bekannten Nico Olinger (Receveur in Schuttrange) erzählte, meinte der, da mache ich nächstes Jahr mit. Wir haben uns dann gut vorbereitet und sind zwölf Jahre lang zusammen runtergefahren, alleine, nur mit einer Tasche am Lenker und einem Rucksack mit dem Allernötigsten. Mussten jeden Tag waschen. Wir fuhren auch in die Heimat von Pantani, nach Cesenatico, bis an die spanische Grenze, in die Toskana, über den großen St. Bernard. Schlimm war es eigentlich nur während den großen Überschwemmungen, als Schröder mit Gummistiefeln im Wahlkampf war (2002, Anm. d. Red.). Rund um Basel hatte es drei Tage nur geregnet, wir hatten kein trockenes Stück Stoff mehr. Am schlimmsten ist es, wenn man morgens in noch nasse Sachen steigen muss. Ich hatte mich schon ziemlich verbissen. So fuhr ich auch eine Randonnée von Paris nach Longwy. In der Gruppe fuhren wir zwar nur einen Schnitt von 25 Stundenkilometer, aber 350 Kilometer an einem Tag waren schon eine Herausforderung.

Was fasziniert Sie so am Mont Ventoux, es gibt ja auch noch andere berühmte Berge?

Natürlich bin ich die Alpe d’Huez und wegen Stelmes auch den Tourmalet von beiden Seiten gefahren. Aber ich schaffte eigentlich nur einen Berg am Tag, nicht zwei oder mehr. Der Mont Ventoux ist da schon ziemlich einmalig, gefällt mir gut. Im Sommer hatte ich immer ein Ziel, das Mittelmeer und den Mont Ventoux. Ich bin ihn zwanzig Mal gefahren und er wurde zwar jedes Jahr schwerer, aber war bis 70 Jahre kein Problem. Letztes Jahr habe ich dann Lehrgeld bezahlt. Ich will im Sommer aber weiter ans Mittelmeer fahren, falls es mir möglich ist.

Wie viele und welche Räder besitzen Sie?

Schon früher hatte ich das beste Rad, Autos sagten mir dagegen nie viel. Nach meiner Knie-OP leistete ich mir ein Trek+, das ich auch jetzt wieder rausgeholt habe. Und eigentlich fahre ich ein Trek Domane mit SRAM, das funktioniert wunderbar. Es ist relativ bequem. Sie hatten es damals für Fabian Cancellara und seinen Sieg in Roubaix konstruiert. Ich habe auch noch ein besonderes Specialized McLaren Venge, das es glaube ich nur Hundert Mal gibt. Aber das wurde für Mark Cavendish gebaut und ist bretthart, nichts für mich.

Und wieso Radfahren und nicht vielleicht Golf oder Tennis?

Golf habe ich noch nie gespielt, das gab es in Steinfort auch nicht. Wir hatten zwar einen der ersten Tennisplätze, aber in 40 Jahren Politik hatte ich nur Zeit für eine Leidenschaft. Als Kind spielte ich Fußball, aber war nicht gut. Der Schwiegersohn von Nic Frantz, Léon Letsch, war unser Trainer. Damals verfolgte ich auf der Langwelle auch, was Charly Gaul fertigbrachte. Das war außergewöhnlich. Als Deutschland 1954 Weltmeister wurde, war der Krieg für sie vorbei. Für Luxemburg hat 1958 sehr viel bedeutet. Mein Vater arbeitete an den Hochöfen auf dem Kran. Die Schmelz hat auf den wichtigen Etappen praktisch nicht mehr funktioniert.

Welcher der fünf luxemburgischen Toursiege beeindruckt Sie da am meisten?

Das kann man nicht vergleichen. Bei Frantz muss das damals fürchterlich gewesen sein, das Hinterrad für eine andere Übersetzung umzudrehen und auch die damaligen Straßen. Unvorstellbar. Bei Faber kommt dann noch sein Einsatz im Krieg hinzu. Charly Gaul verfolgte ich bereits selber, habe ihn, seine Frau und Tochter später auch kennengelernt. Als ich die Randonnée Charly Gaul mitfuhr, stand er zwischen den „Bricher Lächer“ und feuerte uns an. Seine Leistungen sind unvorstellbar. Wie er vorne 42 und hinten maximal 23 oder 24 in den Pässen noch „bitzen“ konnte. Dann natürlich Andy Schleck. Und Fränk und Kim. Bei der Tour hatten wir zwischendurch die drei Maillots. Es tut mir noch heute leid, dass ich mich erst freimachen konnte, nachdem er die Alpe d’Huez gewonnen hatte. Die Etappe nicht sah. Auch die Generation davor mit John Schleck, Edy Schütz oder Lucien Didier darf man nicht vergessen. Mit Jempy Schmitz bin ich dann selber viel Rad gefahren, auch Aldo Bolzan oft begegnet oder lernte Marcel Ernzer kennen. Der Radsport in Luxemburg ist eine große Geschichte.

Buchcover: Jean Asselborn – Die Tour seines Lebens

Jean Asselborn – Die Tour seines Lebens

Der Trierer Politikjournalist Michael Merten begleitete Jean Asselborn auf seinen 1.000 Kilometern quer durch Frankreich und zeichnet auf 320 Seiten eine interessante Reisereportage wie auch ein einfühlsames Porträt. Für 24,99 Euro im Fachhandel erhältlich.

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